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Vom Bärblio zum Bärbliothekar

Die Körper von Bärbliothekaren sind Buchbeha(e)lter im wahrsten Wortsinn und enthalten je nach Alter seines Trägers ein bis zehn Bücher unterschiedlichster Machart und Form. Bärbliothekare werden als Bärblios geboren, also nur mit einem senkrecht platzierten Buch als Körper und werden frühestens in ihrem zweiten Lebensjahrhundert zu Bärbliothekaren. Umfang, Ausprägung, Dicke und Inhalt der einzelnen Bücher, die solche wandelnde Lebend-Bibliotheken beherbergen, variieren je nach Wissensdurst der einzelnen Träger und nach dem Detailgrad ihrer Spezialisierung. Im ersten Lebensjahrhundert sind Bärblios meist nicht grösser als 1 Treter und werden meist als unbeschriebene Blätter bezeichnet, als lose Zusammenfassungen einzelner, nicht unbedingt in einem Zusammenhang stehender Themengebiete oder ein Sammelsurium aus undefinierten Texteleien.

Talente nutzen

Manche Exemplare sind von Fabutur aus spröde und diszipliniert, mögen es eher trocken und spezialisieren sich auf ein rein sachliches oder wissenschaftliches Erleben der Welt. Andere sind tollkühne Abenteurer, wahre Luftikusse mit einem Hang zur Dramatik und des Sich Vergaloppierens. Wieder andere dürsten nach Gefühlstiefe und suchen die unterschiedlichsten Formen des Ausdrucks. Sie widmen sich dem Sammeln und Erschaffen von musischen Talenten, frönen dem Singbrummen und Musibärzieren im Allgemeinen und im Besonderen. Vor allem weibliche Bärbliothekare sind wahre Sprachgenies und gehören zu den wenigen Wesen, die sich in allen Ecken Fabuleons zu Hause fühlen und zwischen den einzelnen Regalwelten unterschiedlichster Epochen, Breiten- und Längengraden sowie Dimensionen gekonnt hin- und herbücherschlüpfen.

Blütezeit und Erzählkunst

Die allermeisten Bärbliothekare folgen ihrer Berufung im jungen Erwachsenenalter (zwischen 300 und 400 Altersjahren). Sie haben dann eine Grösse von ca 6 bis 7 Tretern erreicht und werden zu Hütern von Bibliotheken, Wissenslabyrinthen und Fabularien. Sie laden Gross und Klein, Dick und Dünn, Kurz und Lang, Jung und Alt, Sanft und Wild oder Schreckhaft und Unerschrocken an allen Tagen, an denen der Wirkungsraum, dem sie vorstehen, geöffnet ist, zu allerlei kunstvollen Buchbärleien ein. Nicht selten fungieren sie selbst als Hauptattraktion solcher gesellschaftlichen Zusammenkünfte. Denn so unterschiedlich Bärbliothekare sind, allen gemeinsam ist die Vorliebe, aus ihren Büchern, deren Geschichten sie im Laufe des Lebens selber schreiben, gerne und ausführlich zu zitieren. Dabei geben sie jeder Geschichte den letzten Schmelz und lassen sämtliche Szenen und Charaktere leibhaftig vor den Augen der Zuhörer entstehen. Ihr geschultes Bärbliothekarenfell speichert Hitze wie Kälte gleichermassen und vollzieht das Kunststück, beides zur gewünschten Zeit abzugeben. So vermögen sie es, durch ein gekonntes Aufstellen bzw. Anschmiegen ihrer unzähligen Zotteln, todeszittrige oder hitzig-freudige Stimmung zu erzeugen.


Vom Erlesen ins Erleben

Die Klangfarbe des Bärbliothekarenbrummens kennt keine Grenzen. Sie kann jegliche Gefühle von Freude, Überraschung, Liebe, Traurigkeit, Angst, Ärger, Wut, Scham, Ekel und alle Nuancen dazwischen abbilden und hingebungsvolle Zuhörer zottelfellecht darin versinken lassen. Durch die grenzenlose Varianz in Timbre, Mimik, Dialekt erwecken Bärbliothekare ihre Protagonisten zum Leben und lassen Zuhörer mit den Persönlichkeiten aus ihren Geschichten nahezu verschmelzen.

Aber nicht nur Wesen vermögen Bärbliothekare meisterlich nachzuahmen. In ihrer hochemotionalen Erzählweise gelingt es ihnen gar, Laub rascheln, Wind säuseln, Bäume ächzen, Regen prasseln, Wasser plätschern, Sonne brennen, Nebel und Dunkelheit unter die Haut kriechen, Feuer glühen und Licht gleissen zu lassen. Selbst davor, Gerüche erriechbar zu machen, macht ihr Können nicht Halt. Ob campherähnlich, moschusartig, blumig, mentholig, ätherisch, beissend oder faulig – alles ist in ihrem Repertoire. Und zu guter Letzt lassen Bärbliothekare, die selber grosse Feinschmecker sind, allzuoft das Wasser im Schnabel zusammenlaufen und suggerieren von würzig, über süss, sauer, salzig, fettig oder bitter, alles was das zuhörhungrige Herz verlangt.

Unerklärlich verklärt

Zwischen dem vierten und neunten Lebensjahrhundert strotzen sie nur vor zeitmesserscharfer, intellektueller Brillanz. Mit den Jahren werden sie aber immer wunderlicher, d.h. das Geschriebene in ihren Büchern, aus denen ihr kompletter Rumpf besteht, ordnet sich auf wundersame Weise von selbst neu an und macht Bärbliothekare für andere schwerer bis irgendwann unverständlich. Zu dieser Zeit gewinnt die Bärenmasse gegenüber der Büchermasse überhand, so dass sich geschriebene Worte in Fleisch und Blut auflösen und in den bärbliothekarischen Adern von nun an nur noch pulsierend in einem ewigen Kreislauf bewegen, der immer mehr an Gleichklang und Verdichtung gewinnt. Genau diese Entwicklung schneidet sie aber, je klarer sie sich selbst werden, im selben Mass von der Aussenwelt ab, so dass sich die von Wissen durchfluteten, die völlige Buchlichkeit erreicht habenden, nunmehr Grossbärbliothekare genannt, irgendwann entscheiden, sich mit sich selbst zur Ruhe zu setzen. Obwohl sie ab einem bestimmten Zeitflecken so verklärt sind, dass sie sich anderen nicht mehr erklären können, tritt eine markante, ja gar fabutastische Begabung zum Vorschein, nämlich jene, in willige Nachfolger den Wunsch zu pflanzen, den freiwerdenden Wirkungskreis zu füllen. Nicht selten folgen Bärbliothekaren Maulkorbstühle oder Uhrhus nach, die ebenfalls mit dem Reisen zwischen den Welten vertraut sind.